Hervorgehoben

Ringvorlesung in Potsdam im Wintersemester 2018/2019

Was erreicht war, fällt derzeit in sich zusammen oder wird angegriffen – so scheint es zumindest. Harte nationalistische Töne sind aus dem Bundestag vernehmbar. Ein drastischer Rassismus gewinnt auf den Straßen an Raum, mal populistisch verpackt, mal brutal biologisch. Antisemitische Tiraden sind in Popkultur und auf den Schulhöfen zu vernehmen. Wie kommt es, dass Politik und Gesellschaft so sehr ins Autoritäre und nach rechts kippen?

In der Ringvorlesung analysieren wir diese heutigen Zeiten aus verschiedenen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektiven. Wir fragen nach der Rolle von Popkultur im Kontext von Populismus und nach den Auskünften, die Kulturerscheinungen über die Verfasstheit der Gesellschaft geben. Und wir fragen nach Gegenstrategien, legen dabei ein besonderes Augenmerk auf pädagogische Handlungsmöglichkeiten.

Die Ringvorlesung findet abwechselnd im Haus der Natur in der Lindenstraße 34 und im Friedenssaal im Großen Waisenhaus Potsdam in der Breiten Str. 9a (Zugang über die Lindenstraße 34a) in Potsdam statt. Mit einem Buffet und Musik findet die Abschlussveranstaltung der Ringvorlesung im Waschhaus Potsdam in der Schiffbauergasse 6 statt.

Alle Termine auf einem Blick: hier. Der Eintritt ist frei.

Veranstaltet vom Moses Mendelssohn Zentrum und der Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam.

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Eine Herausforderung für die Lehre

In der neunten Ringvorlesung am 6. Februar 2019 referierte Prof. Dr. Heike Radvan von der Technisch-Brandenburgischen Universität Cottbus über die Herausforderungen vor denen Hochschulen stehen, die mit aktiven Bestrebungen rechtsextremistischer Personen, sich für pädagogische Berufe akademisch zu qualifizieren konfrontiert sind.

Zunächst stellte sie den niedrigen Forschungsstand und eine zu geringe öffentliche Debatte zu diesem Thema dar. Als Professorin für Soziale Arbeit, die sich als Menschrechtsprofession definiert, stellte sie den notwendigen Schutz dieser Menschenrechte gegenüber gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit in den Mittelpunkt ihres Vortrages. Diese Perspektive konfligiert im Einzelfall mit dem Recht auf Bildung, das zunächst ‚Gesinnungsprüfungen’ im Kontext hochschulischer Qualifikationen ausschließt. In ihrem detailreichen und engagierten Vortrag hat Frau Radvan schließlich einen zehn Punkte Katalog an konkreten Vorschlägen für Hochschulen entwickelt, wie ein demokratisches Selbstverständnis von Wissenschaft und ein Sozialpädagogikstudium gegen autoritäre und Menschenrechte missachtende Vertreter*innen im Lehrkörper oder unter Studierenden zu verteidigen ist. Auch die Debatte drehte sich um den nur im Einzelfall zu entscheidenden Konflikt zwischen gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit und dem Recht auf Bildung.

Die Vorlesung kann in Kürze hier nachgehört werden.

Die nächste Ringvorlesung findet am 20. Februar 2019 im Friedenssaal der Stiftung Großes Waisenhaus zu Potsdam (Breite Str. 9a) statt. Es referieren Gudrun Greve und Ingmar Pech von der Antidiskriminierungsberatung Brandenburg zu „Mit Recht gegen Rassismus!? Antidiskriminierungsarbeit in der Praxis“.

Hassgesang aus Brandenburg

 

Mehrere dutzend Bands, bundesweit wichtige Szeneinstitutionen, eine über Jahrzehnte gewachsene Kultur: Rechtsrock-Forscher Jan Raabe referierte bei seinem Vortrag im Friedenssaal des Großen Waisenhauses über den Rechtsrock in Brandenburg, also die Musik des militanten Neonazismus. Fundiert ordnete der Bielefelder Sozialpädagoge das Phänomen geschichtlich, politisch-inhaltlich und von seinen Funktionen und Wirkungsweisen her ein. Auf den Vortrag folgte eine angeregte Diskussion mit dem rund 30-köpfigen Publikum.

Der Vortrag kann hier als Audiomitschnitt nachgehört werden.

Am Mittwoch, dem 6. Februar um 18 Uhr wird die Ringvorlesung im Friedenssaal des Großen Waisenhauses fortgesetzt. Die Herausforderungen durch den neuen Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in der schulischen und akademischen Lehre wird Prof. Heike Radvan von der BTU Cottbus diskutieren.

In den Tiefenschichten der Gesellschaft

 

Antisemitismus ist in allen Sozialräumen zu finden, er wurzelt tief in der deutschen Gesellschaft. Marina Chernivsky, Leiterin des Kompetenzzentrums für Prävention und Empowerment in der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland, betrachtete vor interessiertem Publikum die Erscheinungsformen des Antisemitismus an Schulen. Sie berichtete aus der Beratungspraxis – ratsuchend wenden sich Schulen aller Typen an ihre Institution; die Vorfälle betreffen sowohl Lernende als auch Lehrende, ziehen sich quer durch alle Milieus. Chernivsky betonte, wie wichtig es sei, sich an die Seite der Betroffenen zu stellen. Kontrovers diskutierte sie zudem vor rund 30-köpfigem Publikum die Wirkpotenziale von aufklärender Geschichtsvermittlung in der Präventionsarbeit.

Der Vortrag kann hier als Audiomitschnitt nachgehört werden.

Am Mittwoch, dem 23. Januar referiert der Rechtsrock-Experte Jan Raabe ab 18 Uhr im Friedenssaal des Großen Waisenhauses im Rahmen der Ringvorlesung über die Musik des militanten Neonazismus.

Pädagogische Strategien in der Jugendarbeit

Am Mittwoch, den 19.12.2018, war Silke Baer als Gast im Rahmen der Ringvorlesung „Populismus – Popkultur – Pädagogik“, die die Fachhochschule Clara Hoffbauer Potsdam gemeinsam mit dem Moses Mendelssohn Zentrum für europäisch-jüdische Studien organisiert, eingeladen. Mit ihrem Vortrag zum Thema „Pädagogische Strategien in der Jugendarbeit – unter besonderer Berücksichtigung von Genderthematiken in rechtsextremen und rechtspopulistischen Diskursen“ eröffnete sie den zweiten Teil der Vorlesungsreihe, in der es vor allem um die Frage geht, wie auf die zuvor erörterten Phänomene Rechtsextremismus und Rechtspopulismus pädagogisch reagiert werden kann.

Silke Baer stellte sich in ihrem Vortrag drei großen Herausforderungen: So ging sie zum einen auf das Thema Gender als „politische und gesellschaftliche Kampfzone der extremen Rechten“ ein, präsentierte pädagogische Strategien der Rechtsextremismusprävention und stellte die Arbeit des Vereins „cultures interactive e.V.“ vor, dessen Mitbegründerin sie ist. Das Angebot des Fachträgers kann bei Interesse unter www.cultures-interactive.de eingesehen werden.

In Bezug auf das Thema Gender ging Silke Baer vor allem auf die „Neue Rechte“ ein und machte auch anhand von Bildmaterial und Auszügen aus Parteiprogrammen eindrucksvoll die Verbindung und die fließenden Übergänge zwischen konservativen, rechtspopulistischen und rechtsextremen Frauen-, Geschlechter- und Familienbildern deutlich. Im zweiten Teil ihres Vortrags über pädagogische Strategien der Rechtsextremismusprävention nahm sie die Zuhörer_innen mit in die Geschichte der Ansätze, Programme und Projekte, die 1992 mit dem „Aktionsprogramm gegen Aggression und Gewalt (AgAG)“ begann, welches als „Glatzenpflege auf Staatskosten“ relativ schnell in Misskredit geriet. Seitdem ist viel passiert und ohne Zweifel gehören zu den Gelingensfaktoren für die Arbeit mit rechtsextrem orientierten oder gefährdeten Jugendlichen neben Strategien des professionellen Umgangs mit diesen vor allem zivilgesellschaftliche Förderung und sozialraumorientierte Maßnahmen. Im Anschluss an den Vortrag stellten die Zuhörer_innen vor allem Fragen zu konkreten Handlungsmöglichkeiten, waren aber auch an biografischen, genderrelevanten und sozialräumlichen Hinwendungsfaktoren der Jugendlichen interessiert, die zuvor thematisiert wurden.

Nach über zwei Stunden endete ein interessanter und erkenntnisreicher Abend, bei dem aufgrund der Themenfülle einige Aspekte nur angedacht werden konnten. Diese werden jedoch in den kommenden Vorlesungen aufgegriffen – so beispielsweise durch Prof. Dr. Heike Radvan, die am 06.02.2019 über Rechtspopulismus und Rechtsextremismus als Herausforderungen für die Lehre sprechen wird.

Der Beitrag kann hier nachgehört werden.

Autoritäre Dynamiken – rechtsextreme Einstellungen in Deutschland

Mit gespannter Aufmerksamkeit folgten in der 5. Ringvorlesung etwa 70 Hörer*innen dem Vortrag von PD. Dr. Oliver Decker über ‚Autoritäre Dynamiken – rechtsextreme Einstellungen in Deutschland‘. Herr Decker präsentierte die jüngsten Ergebnisse der sogenannten ‚Mitte-Studien 2018‘ und erläuterte, warum die Leipziger Forschergruppe heute von der ‚Autoritarismus-Studie‘ spricht.  Dieser theoretische Ansatz des autoritären Charakters wurde in den 1930er Jahren im Frankfurter Institut für Sozialforschung entwickelt und beinhaltet stark verkürzt das Bedürfnis der Unterwerfung und Identifikation unter eine Autorität auf dem Hintergrund eines sich aus unterschiedlichen Quellen speisenden Schwächegefühls. Unterfüttert wird dieser Ansatz durch die jüngsten Ergebnisse der Leipziger Studie, die neben erschreckend hohen Prozentzahlen an Ausländerfeindlichkeit auch chauvinistische Tendenzen und den unverhohlenen Ruf nach einer starken Partei die den vermeintlichen ‚Volkswillen‘ vertrete offenbart. Die Unterschiede zwischen Ost und West sind dabei häufig weniger ausgeprägt als erwartet, was dann auch Diskussionsthema im Anschluss an den Vortrag war.

Die von Oliver Decker vorgestellte Studie ist unter folgendem link nachzulesen:
https://www.boell.de/de/leipziger-autoritarismus-studie

Der Vortrag kann hier nachgehört werden.

Am 19.12.2018 wird die Reihe fortgesetzt mit dem Vortrag Pädagogische Strategien in der Jugendarbeit mit Silke Baer.